In der Physik wird ein System als „offen“ definiert, wenn es in der Lage ist, Energie oder Materie mit seiner Umwelt auszutauschen. Ein nahe liegendes Beispiel ist der menschliche Organismus, der Sauerstoff ein- und Kohlendioxid ausatmet. Übertragen auf das Gesundheitssystem müssen die IT-Systeme, die wir dort vorfinden als „geschlossen“ bezeichnet werden. Weder können Gesundheitsinformationen die Grenze einer Institution digital überwinden, noch können sie eintreten. Das kostet nicht nur Geld, sondern mindert auch die Versorgungsqualität. IHE ist eine herstellerneutrale Methodik, die dazu führt, dass Gesundheitsinformationen dort digital vorliegen, wo sie vom Patienten und den Menschen, die ihn versorgen am dringendsten gebraucht werden.

Ein prozessbezogener Ansatz!
Herstellerneutralität bedeutet in der IHE-Logik, dass Vernetzungsprobleme nicht produkt- und herstellerbezogen, sondern prozessbezogen gelöst werden. Ein Medizingerät wird nicht mehr mit Hilfe eines herstellerspezifischen Standards in eine bestehende IT-Landschaft eingebunden. Vielmehr wird ein medizinischer Prozess beschrieben, der fortan technisch abgebildet werden soll. Garantiert herstellerneutral wird dieser IHE-Ansatz aber erst durch die Tatsache, dass nicht bloß einzelne Hersteller an den Vernetzungsszenarien „basteln“, sondern Anwender aus Leistungserbringern, Industrie und Forschung in Arbeitsgruppen (Domains) eng zusammenarbeiten.

Domains & Profile
Dieses Verfahren setzt eine große Kenntnis von medizinischen Prozessen voraus. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat die IHE bisher 11 Arbeitsgruppen (Domains) von der Radiologie über Labor bis hin zur IT-Infrastruktur gegründet, in denen Mediziner, Forscher und Entwickler sowie Einrichtungen und Hersteller miteinander an Vernetzungsprozessen arbeiten. In der Praxis verfügt jede Domain über einen technischen Ausschuss und ein Planungskomitee. Der technische Ausschuss verantwortet die Erstellung von Integrations-Profilen, in denen technische Lösungen und Spezifikationen ausformuliert werden. Die zuständigen Planungsausschüsse formulieren Entwicklungsziele und begleiten die „Markteinführung“, das heißt die Umsetzung der Hersteller. Die Ergebnisse sind am Ende des Prozesses in Form von Profilen für jeden Hersteller zugänglich und unterstützen, ähnlich wie eine Bedienungsanleitung, bei der Anpassung der Produkte.

Das Tumorboard – ein Beispiel aus der Praxis!
Warum der Informationsaustausch im Gesundheitswesen herstellerneutral organisiert werden muss, veranschaulicht am besten die Domain „Radiologie“. Bei diesem Bereich handelt es sich um eine zentrale Arbeitsgruppe innerhalb der IHE, in der von der Gründung bis zum heutigen Tag die meisten Profile/Prozesse beschrieben wurden. Die Notwendigkeit von interdisziplinären Behandlungsstrategien in der Bekämpfung bösartiger Erkrankungen in Kombination mit immer komplexeren Therapieschritten begründeten die Einrichtung von Tumorboards. In diesen Konferenzen sitzen Mediziner aller betroffenen Fachrichtungen (Internisten, Strahlentherapeuten, Radiologen und Nuklearmediziner) zusammen und stimmen das Vorgehen bei der Tumorbehandlung ab. Damit dieses Zusammenspiel der unterschiedlichen Fachdisziplinen reibungslos funktioniert, ist es notwendig, dass alle Patienteninformationen und Befunde gesammelt und für jeden Teilnehmer zugänglich vorliegen. Diagnosen und Befunde in Form von Text, Bildern und Datentabellen werden in hochgradig komplexen medizinischen Geräten erstellt, die in verschiedenen Standards und Formaten Informationen generieren. Jedes Profil innerhalb der Domain „Radiologie“ beschreibt ein dezidiertes Einbindungsszenario und gibt damit vor, wie und in welcher Form die Information bereitgestellt werden muss. Wenn die Entscheidungen, die in der Tumorkonferenz getroffen werden Auswirkungen auf Leben und Tod haben können, darf die Frage, welcher Gerätehersteller die jeweilige Information erzeugt hat, bei diesem Prozess keine Rolle spielen. Aber auch wenn die Entscheidungen weniger dramatische Auswirkungen haben, erhöht ein herstellerneutraler Informationsfluss die Behandlungsqualität des Patienten.

IT-Infrastruktur
Das Herz der IHE und der Garant für die Herstellerunabhängigkeit ist die Arbeitsgruppe „IT-Infrastruktur“. Diese Domain, in der Kurzform nur „ITI“ genannt, formuliert die technischen Voraussetzungen, die dazu führen, dass institutionsintern und -extern Informationen unterschiedlicher Geräte und Systeme zusammengeführt und gemeinsam verarbeitet werden können. Wie das funktioniert und welche technischen Voraussetzungen dafür notwendig sind, beantwortet der übernächste und letzte Text dieser Themenreihe zu Integrating the Healthcare Enterprise (IHE).